Mariana Imhof
Selbstfürsorge

Wie lange willst du noch warten?

Warum viele Mütter Unterstützung erst suchen, wenn die Erschöpfung kaum noch tragbar ist, und warum Hilfe keine Schwäche ist.

Vielleicht kennst du diesen Gedanken:

“Es wird besser, wenn die Kinder grösser sind.”

“Wenn diese Phase vorbei ist.”

“Wenn wieder mehr Zeit bleibt.”

“Wenn ich endlich einmal durchatmen kann.”

Viele Mütter leben jahrelang in diesem Dazwischen.

Zwischen Funktionieren und Erschöpfung.

Zwischen Verantwortung und Überforderung.

Zwischen dem Wunsch nach Entlastung und dem Gefühl, trotzdem weitermachen zu müssen.

Und oft wird das eigene Wohlbefinden immer wieder auf später verschoben.

Funktionieren wird zur Normalität

Überlastung entsteht selten von heute auf morgen.

Sie schleicht sich ein.

Ein bisschen weniger Schlaf.

Ein bisschen weniger Zeit für sich selbst.

Ein bisschen mehr Verantwortung.

Ein bisschen mehr Organisation.

Ein bisschen mehr Mental Load.

Bis irgendwann etwas passiert, das viele Mütter kaum bemerken:

Die Erschöpfung wird zum Normalzustand.

Man gewöhnt sich daran, müde zu sein.

Man gewöhnt sich daran, immer an alles denken zu müssen.

Man gewöhnt sich daran, die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen.

Und genau deshalb erkennen viele Betroffene lange nicht, wie viel sie eigentlich tragen.

Hilfe zu brauchen ist keine Schwäche

In unserer Gesellschaft hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass eine gute Mutter alles alleine schaffen sollte.

Sie sollte geduldig sein.

Liebevoll sein.

Organisiert sein.

Präsent sein.

Beruf und Familie unter einen Hut bringen.

An alles denken.

Und dabei möglichst entspannt bleiben.

Doch niemand würde von einer einzelnen Person erwarten, ein ganzes Unternehmen allein zu führen.

Warum erwarten wir es dann von Müttern?

Hilfe zu brauchen ist kein Zeichen von Schwäche.

Es ist ein Zeichen dafür, dass du ein Mensch bist.

Mit Grenzen.

Mit Bedürfnissen.

Mit begrenzten Ressourcen.

Genau wie jeder andere Mensch auch.

Evolutionär war Elternschaft nie ein Einzelprojekt

Wenn wir einen Blick in die Menschheitsgeschichte werfen, wird etwas Spannendes sichtbar:

Kinder wurden nie nur von einer einzigen Person grossgezogen.

Über Jahrtausende lebten Menschen in Gemeinschaften.

Grosseltern waren da.

Geschwister waren da.

Tanten.

Onkel.

Nachbarn.

Andere Erwachsene.

Die Verantwortung für Kinder war auf viele Schultern verteilt.

Die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy beschreibt den Menschen sogar als eine Art, die auf sogenannte “Allomütter” angewiesen ist - also auf weitere Personen, die sich an der Betreuung und Versorgung von Kindern beteiligen.

Anders gesagt:

Kinder grosszuziehen war evolutionär betrachtet immer eine Gemeinschaftsaufgabe.

Nicht die Aufgabe einer einzelnen Mutter.

Warum sich heute so viele Mütter erschöpft fühlen

Viele Familien leben heute deutlich isolierter als frühere Generationen.

Oft fehlen Grosseltern in unmittelbarer Nähe.

Nachbarschaften sind weniger eng verbunden.

Gleichzeitig sind die Erwartungen gestiegen.

Kinder sollen optimal begleitet werden.

Berufliche Anforderungen bleiben bestehen.

Der Alltag ist voller Termine, Informationen und Entscheidungen.

Viele Mütter versuchen deshalb, etwas alleine zu leisten, das ursprünglich für mehrere Menschen gedacht war.

Kein Wunder, dass sich viele erschöpft fühlen.

Du musst nicht erst zusammenbrechen

Ein Gedanke begegnet mir in meiner Arbeit immer wieder:

“Es geht ja noch.”

“Andere schaffen das auch.”

“Ich muss einfach noch etwas durchhalten.”

Doch Unterstützung muss man sich nicht erst verdienen.

Man muss nicht warten, bis nichts mehr geht.

Man muss nicht warten, bis die Erschöpfung unerträglich wird.

Man darf Hilfe annehmen, bevor man zusammenbricht.

Man darf Unterstützung suchen, bevor die Belastung krank macht.

Man darf sagen:

“Es ist gerade zu viel.”

Ein letzter Gedanke

Vielleicht ist die wichtigere Frage nicht:

“Wie lange halte ich das noch aus?”

Sondern:

“Wie lange will ich noch warten, bevor ich mir Unterstützung hole?”

Denn du musst das nicht alleine tragen.

Das war nie so gedacht.

Und es ist keine Schwäche, sich Hilfe zu holen.

Vielleicht ist es sogar eine der mutigsten Entscheidungen, die du für dich und deine Familie treffen kannst.

Mehr Impulse für einen verbundenen Familienalltag.

Wenn du weiterlesen möchtest, findest du in der Blog-Übersicht weitere Gedanken zu Familienberatung, Elterncoaching und einem alltagsnahen Blick auf Beziehung.

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