Ich lese gerade das Buch Good Inside und bin dabei über einen Gedanken gestolpert, der mich seitdem nicht mehr loslässt.
Vielleicht auch deshalb, weil ich ihn in unserem Familienalltag immer wieder beobachten kann.
Wir Erwachsenen wünschen uns selbstbewusste Kinder.
Kinder, die für sich einstehen.
Die ihre Grenzen kennen.
Die Nein sagen können.
Die sich nicht alles gefallen lassen.
Die sich wehren, wenn sie ungerecht behandelt werden.
Die nicht einfach mitmachen, nur weil alle anderen es tun.
Eigentlich wünschen wir uns Kinder, die irgendwann sagen können:
„Nein. Das möchte ich nicht.“
„Das fühlt sich für mich nicht richtig an.“
„So möchte ich nicht behandelt werden.“
Und gleichzeitig verbringen wir einen erstaunlich grossen Teil ihrer Kindheit damit, ihnen etwas ganz anderes beizubringen.
Sei brav. Sei lieb. Sei leise.
Kinder hören von klein auf Sätze wie:
„Mach jetzt einfach.“
„Diskutier nicht.“
„Hör auf die Erwachsenen.“
„Sei brav.“
„Stell dich nicht so an.“
„Jetzt ist nicht der Moment für Diskussionen.“
„Mach, was die Lehrerin sagt.“
Oft meinen wir es gar nicht böse.
Im Gegenteil.
Familien müssen funktionieren. In einer Schulklasse können nicht zwanzig Kinder gleichzeitig entscheiden, was gerade passiert. Erwachsene tragen Verantwortung und müssen Entscheidungen treffen.
Kinder brauchen Führung.
Aber irgendwann habe ich mich gefragt:
Was lernt ein Kind eigentlich, wenn „Respekt“ vor allem bedeutet, zu tun, was Erwachsene von ihm verlangen?
Und noch wichtiger:
Wo soll es später lernen, Erwachsenen zu widersprechen, wenn wir ihm jahrelang vermitteln, dass genau das respektlos ist?
Wir wollen Selbstbewusstsein – aber bitte nicht gegen uns
Vielleicht liegt genau darin einer der grossen Widersprüche unserer Erziehung.
Wir wünschen uns ein selbstbewusstes Kind.
Bis es selbstbewusst sagt:
„Nein.“
Zu uns.
Wir wünschen uns ein Kind mit einer eigenen Meinung.
Bis diese Meinung unserer widerspricht.
Wir wünschen uns ein Kind, das Grenzen setzt.
Bis wir selbst vor dieser Grenze stehen.
Dann fühlt sich dasselbe Verhalten plötzlich ganz anders an.
Aus Selbstbewusstsein wird „Widerspruch“.
Aus einer eigenen Meinung wird „Diskutieren“.
Aus einem Nein wird „Ungehorsam“.
Und aus Abgrenzung wird vielleicht sogar „Respektlosigkeit“.
Dabei ist das Kind im Grunde gerade dabei, etwas zu üben, das wir ihm für sein späteres Leben ausdrücklich wünschen.
Wo soll ein Kind das lernen?
Ein Kind wacht nicht mit sechzehn Jahren plötzlich auf und verfügt über ein wunderbar entwickeltes Gespür für seine Grenzen.
Es wird vermutlich auch nicht erst dann lernen, Nein zu sagen, wenn es das erste Mal wirklich wichtig wird.
Solche Fähigkeiten entstehen im Alltag.
In tausend kleinen Situationen.
Wenn das Kind sagt:
„Ich möchte das nicht.“
„Ich finde das unfair.“
„Ich bin anderer Meinung.“
„Warum muss ich das machen?“
Und genau dort beginnt für uns Erwachsene die Herausforderung.
Denn vielleicht bleibt die Entscheidung trotzdem dieselbe.
Vielleicht müssen wir jetzt wirklich los.
Vielleicht gibt es heute keine weitere Bildschirmzeit.
Vielleicht kann mein Kind nicht selbst entscheiden, ob es zur Schule geht.
Vielleicht muss eine Regel eingehalten werden.
Ein Nein zu hören bedeutet nicht automatisch, einem Nein folgen zu müssen.
Das scheint mir eine wichtige Unterscheidung zu sein.
Ich kann die Grenze meines Kindes wahrnehmen und trotzdem meiner Verantwortung als Erwachsene nachkommen.
Ich kann sagen:
„Ich höre, dass du nicht gehen möchtest.“
Und gleichzeitig:
„Wir müssen jetzt trotzdem los.“
Beides kann nebeneinander existieren.
Kooperation oder Unterordnung?
Genau hier liegt für mich inzwischen der entscheidende Unterschied:
Vermittle ich Kooperation – oder trainiere ich Unterordnung?
Unterordnung bedeutet für mich sinngemäss:
Du machst, was ich sage, weil ich der Erwachsene bin.
Kooperation bedeutet etwas anderes:
Wir leben miteinander. Ich trage als Erwachsene Verantwortung und werde deshalb manchmal Entscheidungen treffen, die dir nicht gefallen. Aber deine Meinung, deine Gefühle und dein Nein dürfen trotzdem existieren.
Das ist kein kleiner Unterschied.
Denn Kooperation verlangt einem Kind ebenfalls etwas ab.
Rücksicht.
Frustrationstoleranz.
Verantwortung.
Manchmal Zurückstecken.
Manchmal etwas tun, auf das es gerade überhaupt keine Lust hat.
Aber das Kind soll möglichst verstehen:
Ich bin Teil dieser Gemeinschaft.
Nicht:
Meine Aufgabe ist es, mich dem Mächtigeren anzupassen.
Aber Kinder können doch nicht alles bestimmen
Nein.
Und genau darum geht es auch nicht.
Bedürfnis- oder bindungsorientierte Erziehung bedeutet für mich nicht, dass Kinder sämtliche Entscheidungen treffen.
Kinder brauchen Erwachsene, die führen.
Manchmal sogar sehr deutlich.
Es gibt Situationen, in denen ich nicht zwanzig Minuten verhandle.
Vielleicht muss mein Kind angeschnallt werden.
Vielleicht müssen wir einen Termin einhalten.
Vielleicht ist etwas gefährlich.
Vielleicht habe ich schlicht eine Grenze.
Dann darf es auch ein klares:
„Das machen wir jetzt so.“
geben.
Aber mein Kind darf trotzdem wütend darüber sein.
Es darf meine Entscheidung blöd finden.
Es darf mir sagen, dass es anderer Meinung ist.
Die Tatsache, dass ich entscheide, bedeutet nicht, dass ich auch über die innere Reaktion meines Kindes bestimmen darf.
Das ist für mich Führung.
Ich zeige den Weg. Aber ich ziehe mein Kind nicht hinter mir her und verlange dabei noch, dass es den Weg gut findet.
„Aber das ist respektlos!“
Gerade beim Thema Widerspruch wird schnell von Respekt gesprochen.
Doch auch hier lohnt es sich für mich, genauer hinzuschauen.
Ein Kind darf widersprechen.
Es darf aber lernen, wie es widerspricht.
„Ich finde diese Entscheidung unfair“ ist etwas anderes als eine Beschimpfung.
„Ich möchte das nicht“ ist etwas anderes als jemanden abzuwerten.
Ich möchte meinen Kindern nicht vermitteln:
„Du darfst Erwachsenen nicht widersprechen.“
Ich möchte ihnen vielmehr vermitteln:
„Du darfst widersprechen – und wir behandeln einander dabei respektvoll.“
Und das gilt in beide Richtungen.
Denn Respekt ist für mich keine Einbahnstrasse.
Ein Kind schuldet einem Erwachsenen nicht deshalb weniger Würde, weil es jünger ist.
Und ein Erwachsener verliert nicht seine Führungsverantwortung, nur weil er die Sicht des Kindes ernst nimmt.
Ein Nein darf gehört werden, ohne erfüllt zu werden
Vielleicht ist das für mich inzwischen einer der wichtigsten Sätze in diesem Zusammenhang:
Ein Nein kann gehört werden, auch wenn es nicht immer erfüllt werden kann.
Das Kind erlebt dann:
Ich habe eine Stimme.
Meine Meinung zählt.
Ich darf mich abgrenzen.
Ich darf widersprechen.
Und gleichzeitig erfährt es:
Andere Menschen haben ebenfalls Bedürfnisse.
Es gibt Grenzen.
Manchmal bekomme ich meinen Willen nicht.
Manchmal entscheidet jemand anderes.
Das ist Leben.
Selbstbewusstsein bedeutet schliesslich nicht, immer seinen Willen durchzusetzen.
Es bedeutet vielmehr, sich selbst wahrnehmen und vertreten zu können – ohne dabei die anderen aus dem Blick zu verlieren.
Unsere Kinder dürfen ihr Nein zuerst bei uns üben
Dieser Gedanke berührt mich besonders.
Denn irgendwann werden unsere Kinder Situationen erleben, in denen wir uns sehr wünschen, dass sie widersprechen.
Wenn Freunde Druck ausüben.
Wenn ein Partner ihre Grenzen missachtet.
Wenn ein Erwachsener etwas von ihnen verlangt, das sich falsch anfühlt.
Wenn eine Gruppe etwas tut, bei dem ihr Bauch sagt:
Nein.
Dann wünsche ich mir kein „braves“ Kind.
Dann wünsche ich mir ein Kind, das sich selbst vertraut.
Eines, das sagen kann:
„Nein. Das möchte ich nicht.“
„Das fühlt sich für mich nicht richtig an.“
„So möchte ich nicht behandelt werden.“
Aber ich kann nicht erwarten, dass mein Kind seine Stimme genau dann findet, wenn sie plötzlich wichtig wird.
Es muss erleben dürfen, dass diese Stimme schon vorher willkommen ist.
Zu Hause.
In der Schule.
In den Beziehungen zu den Menschen, von denen es abhängig ist.
Und ja:
Auch bei mir.
Das ist manchmal ziemlich unbequem
Ich finde diesen Gedanken wunderschön.
In der Theorie.
In der Praxis habe auch ich Tage, an denen ich auf die fünfte Diskussion über eine eigentlich längst geklärte Sache keine Lust mehr habe.
Manchmal denke ich:
Kannst du nicht einfach einmal machen, was ich sage?
Natürlich denke ich das.
Ich bin Mutter und kein erleuchtetes Wesen auf einem Berggipfel. 😉
Kooperation ist nicht immer bequem.
Ein Kind mit eigener Meinung ist nicht immer bequem.
Ein Teenager, der sämtliche Argumente seiner Mutter auf innere Widersprüche überprüft, ist schon gar nicht bequem.
Aber Bequemlichkeit ist auch gar nicht das Ziel.
Vielleicht ist die wichtigere Frage:
Welchen Menschen möchte ich da langfristig begleiten?
Einen Menschen, der gelernt hat, sich anzupassen, sobald jemand mehr Macht besitzt?
Oder einen Menschen, der kooperieren kann, Verantwortung übernimmt, andere respektiert – und sich dabei selbst nicht verliert?
Ich weiss, welche Antwort ich mir wünsche.
Und genau deshalb versuche ich, das Nein meiner Kinder auszuhalten.
Nicht immer gelassen.
Nicht immer begeistert.
Und ganz sicher nicht immer so, wie es in einem Erziehungsratgeber stehen würde.
Aber mit dem Bewusstsein:
Hier darfst du üben, eine eigene Stimme zu haben.
Denn eines Tages wirst du diese Stimme vielleicht an einem Ort brauchen, an dem ich nicht neben dir stehe.
Und dann hoffe ich sehr, dass du ihr vertraust. 🌿