Mariana Imhof
Selbstfürsorge

Ich möchte meine Gefühle nicht mehr wegregulieren

Warum Regulation für mich nicht bedeutet, weniger zu fühlen – sondern mich selbst auch in starken Gefühlen nicht zu verlieren.

Es war einer dieser Tage, an denen eigentlich schon beim Blick auf den Kalender klar ist: Das wird sportlich.

Zwei Termine.

Dazwischen Familienalltag.

Für den Nachmittag musste erst einmal die Betreuung der Kleinsten organisiert werden.

Und noch bevor Termin Nummer eins überhaupt begonnen hatte, war plötzlich etwas ganz anderes wichtig.

Mein Kind war völlig überwältigt von seinen Gefühlen.

Der zweite Termin des Tages machte ihm Angst. Nicht einfach ein bisschen Nervosität oder Unbehagen, sondern eine Angst, die den ganzen Raum einzunehmen schien.

Im Kopf meines Kindes entstanden Szenarien, die sich in diesem Moment offenbar genauso real anfühlten wie das, was tatsächlich passieren würde.

Ich sass daneben.

Versuchte zu erklären.

Zu beruhigen.

Gemeinsam zu atmen.

Andere Gedanken anzubieten.

Sicherheit zu geben.

Und nichts davon funktionierte.

Je länger ich daneben sass, desto stärker wurde in mir nur noch dieser eine Gedanke:

Wie kann ich meinem Kind helfen?

Wie bekomme ich es aus diesem Gefühlssturm wieder heraus?

Und irgendwann musste ich erkennen:

Gerade gar nicht.

Mein Kind signalisierte mir ziemlich deutlich, dass meine Anwesenheit und meine Versuche zu helfen im Moment nicht hilfreich waren.

Und ich musste zu meinem ersten Termin.

Also ging ich.

Und plötzlich war ich selbst mitten im Gefühlssturm

Kaum war ich unterwegs, kamen meine eigenen Gefühle.

Hilflosigkeit.

Sorge.

Überforderung.

Das Bedürfnis zu weinen.

Eigentlich hätte ich mich am liebsten irgendwo hingesetzt und den Tränen einfach ihren Lauf gelassen.

Aber dafür war gerade keine Zeit.

Ich hatte einen Termin.

Also tat ich das, was ich in den vergangenen Jahren gelernt habe.

Ich atmete bewusst.

Versuchte meinen Körper zu beruhigen.

Sagte mir innerlich:

Alles wird schon. Irgendwie.

Ich konzentrierte mich auf meine Atmung, versuchte mich zu sammeln und machte weiter.

Und eigentlich funktionierte es.

Ich wurde ruhiger.

Ich konnte wieder denken.

Ich blieb handlungsfähig.

Genau dafür hatte ich mir all diese Werkzeuge doch angeeignet.

Meditation.

Atemtechniken.

Selbsthypnose.

Mantras.

Methoden, die mir helfen, wieder einen Zugang zu mir selbst zu finden.

Und trotzdem kam plötzlich dieser Gedanke:

Was mache ich hier eigentlich gerade?

Wollte ich mich regulieren – oder mein Gefühl loswerden?

Auf einmal fiel mir auf, dass mein innerer Auftrag nicht gewesen war:

Ich bin gerade unglaublich traurig und überfordert. Wie kann ich gut mit diesem Gefühl sein?

Mein Auftrag lautete eher:

Wie bekomme ich das jetzt möglichst schnell wieder in den Griff?

Das Gefühl sollte kleiner werden.

Kontrollierbarer.

Am besten so weit verschwinden, dass ich meinen Termin wahrnehmen konnte, ohne dort plötzlich in Tränen auszubrechen.

Und damit tat ich im Grunde genau das, was ich wenige Minuten zuvor bei meinem Kind versucht hatte.

Auch dort hatte ich gedacht:

Wie bekomme ich dich aus diesem Gefühl heraus?

Vielleicht war das die eigentliche Erkenntnis dieses Tages.

Nicht jedes starke Gefühl braucht sofort einen Ausgang.

Manche Gefühle brauchen zunächst jemanden, der bereit ist, bei ihnen zu bleiben.

Auch unsere eigenen.

Ich habe zunehmend Mühe mit dem Wort „Gefühlskontrolle“

Vielleicht stolpere ich deshalb immer öfter über diesen Begriff.

Gefühlskontrolle.

Er klingt für mich inzwischen so, als wären Gefühle etwas Unberechenbares, das wir möglichst gut beherrschen müssen.

Als wären Wut, Angst, Traurigkeit oder Frust Störungen eines eigentlich funktionierenden Systems.

Etwas, das schnell wieder beseitigt werden sollte.

Dabei sind Gefühle doch ein Teil dieses Systems.

Wir freuen uns über eine gute Nachricht.

Wir sind gerührt über eine liebevolle Geste.

Wir ärgern uns, wenn etwas nicht funktioniert.

Wir sind enttäuscht.

Verletzt.

Unsicher.

Wütend.

Traurig.

Warum sollte ein gelungenes Leben eines sein, in dem all diese Gefühle möglichst wenig stark vorkommen?

Ein Leben ohne unangenehme Gefühle wäre vermutlich auch ein Leben, in dem etwas Entscheidendes fehlt.

Vielleicht geht es weniger um Kontrolle und mehr um Beziehung

Ich merke deshalb, dass mir ein anderer Gedanke viel besser gefällt:

Ich muss meine Gefühle nicht beherrschen oder kontrollieren. Ich darf lernen, mit ihnen in Beziehung zu sein.

Sie wahrzunehmen.

Zu merken:

Da ist gerade Angst.

Da ist Wut.

Da ist Traurigkeit.

Ohne daraus sofort zu machen:

Das darf nicht sein.

Oder:

Das muss jetzt weg.

Vielleicht ist emotionale Regulation für mich deshalb nicht mehr in erster Linie die Fähigkeit, ein Gefühl kleiner zu machen.

Sondern die Fähigkeit, bei mir zu bleiben, während es da ist.

Ich darf traurig sein, ohne in meiner Traurigkeit völlig unterzugehen.

Ich darf wütend sein, ohne jemanden verletzen zu müssen.

Ich darf Angst haben und trotzdem eine Entscheidung treffen.

Ich darf mich überfordert fühlen und trotzdem den nächsten Schritt gehen.

Das Gefühl bekommt Raum.

Aber es muss nicht automatisch das Steuer übernehmen.

„Nicht jetzt“ ist nicht dasselbe wie „nicht fühlen“

Dieser Unterschied ist mir besonders wichtig.

Denn nach dieser Erkenntnis könnte man schnell denken:

Dann hätte ich meinen Termin absagen und erst einmal eine Stunde weinen müssen.

Nein.

Das Leben funktioniert nicht immer so.

Manchmal stehen wir im Supermarkt.

Manchmal sitzen wir in einer Sitzung.

Manchmal müssen wir ein Kind irgendwo abholen.

Manchmal braucht gerade jemand anderes unsere Aufmerksamkeit.

Und manchmal ist schlicht nicht der richtige Moment, um einem Gefühl vollständig Raum zu geben.

Dann darf Regulation auch bedeuten:

Nicht jetzt.

Aber entscheidend ist vielleicht, was danach kommt.

Wird aus dem „Nicht jetzt“ irgendwann ein:

„Jetzt darfst du da sein.“

Oder wird daraus unbemerkt:

„Bitte komm überhaupt nicht mehr wieder.“

Für mich liegt genau dort ein grosser Unterschied zwischen bewusstem Zurückstellen und dauerhaftem Wegdrücken.

Ich kann mir innerlich sagen:

Ich merke, wie traurig ich gerade bin. Ich muss jetzt trotzdem weiter. Aber ich komme darauf zurück.

Vielleicht abends unter der Dusche.

Bei einem Spaziergang.

Im Gespräch mit einem Menschen, dem ich vertraue.

Beim Schreiben.

Oder einfach indem ich irgendwann auf dem Sofa sitze und die Tränen endlich kommen lasse.

Nicht, weil jedes Gefühl spektakulär „herausgelassen“ werden muss.

Sondern weil ich nicht so tun möchte, als wäre es nie da gewesen.

Und was ist dann mit all den Regulationstechniken?

Ich möchte sie keinesfalls missen.

Im Gegenteil.

Ich wünschte, ich hätte viel früher gelernt, wie hilfreich bewusste Atmung sein kann.

Wie sich mein Körper verändert, wenn ich langsamer werde.

Wie Meditation einen Raum zwischen einem Reiz und meiner Reaktion schaffen kann.

Wie Selbsthypnose mir Zugang zu innerer Ruhe ermöglicht.

Wie ein einziger Satz manchmal helfen kann, mich wieder zu orientieren.

Diese Werkzeuge sind unglaublich wertvoll.

Nur sehe ich ihren Zweck heute ein wenig anders.

Nicht:

Mach das Gefühl weg oder kleiner.

Sondern:

Hilf mir, bei mir zu bleiben, während es da ist.

Das ist für mich ein grosser Unterschied.

Regulation macht das Meer nicht ruhig

Vielleicht gefällt mir deshalb das Bild vom Meer so gut.

Manchmal ist es ruhig.

Manchmal bewegt.

Und manchmal schlagen ziemlich hohe Wellen.

Meine Atemtechnik sorgt nicht dafür, dass plötzlich Windstille herrscht.

Meditation verhindert nicht, dass etwas in meinem Leben passiert, das mich unglaublich traurig macht.

Ein Mantra kann eine schwierige Situation nicht ungeschehen machen.

Aber all diese Dinge können mir einen Anker geben.

Sie können mir helfen, nicht sofort von jeder Welle mitgerissen zu werden.

Regulation macht das Meer nicht ruhig.

Sie gibt mir Halt darin.

Und mittlerweile finde ich genau das viel realistischer als die Vorstellung, irgendwann so „reguliert“ zu sein, dass uns kaum noch etwas aus der Ruhe bringt.

Unsere Gefühle sind kein Fehler im System

Wir leben in einer Welt, die sehr viel Wert darauf legt, dass wir funktionieren und möglichst viel kontrollieren.

Pünktlich sein.

Leisten.

Organisieren.

Freundlich bleiben.

Termine einhalten.

Weitergehen.

Und natürlich müssen wir all das manchmal.

Aber vielleicht erklärt das auch, warum wir so schnell versuchen, unangenehme Gefühle zu verkleinern.

Traurigkeit passt schlecht in einen eng getakteten Dienstagvormittag.

Wut kommt selten zu einem praktischen Zeitpunkt.

Angst berücksichtigt unseren Kalender überhaupt nicht.

Gefühle sind bemerkenswert schlecht organisiert.

Und das dürfen sie auch sein.

Gefühle dürfen ein normaler Teil unseres Lebens sein.

So wie das Wetter.

Manchmal scheint die Sonne.

Manchmal regnet es.

Manchmal bläst uns der Wind ziemlich unangenehm ins Gesicht.

Wir erwarten schliesslich auch nicht, dass ein ganzes Jahr nur aus Sonnenschein besteht.

Warum erwarten wir es dann von unserem Innenleben?

Das möchte ich auch meinen Kindern mitgeben

Und an diesem Punkt führt mich der Gedanke doch wieder zurück zu meinen Kindern.

Ich möchte ihnen nicht vermitteln:

Du solltest deine Gefühle besser kontrollieren können.

Ich möchte ihnen lieber vermitteln:

Du darfst fühlen.

Du darfst wütend sein.

Du darfst Angst haben.

Du darfst traurig und frustriert sein.

Und wir können gemeinsam lernen, was du brauchst, wenn diese Gefühle gross werden.

Nicht jedes Gefühl muss sofort kleiner werden oder verschwinden.

Und gleichzeitig ist nicht jedes Verhalten erlaubt, nur weil ein Gefühl dahintersteht.

Vielleicht ist genau das Gefühlssteuerung, wie ich sie verstehen möchte:

Nicht das Gefühl steuern.

Sondern lernen, mein Verhalten inmitten eines Gefühls bewusst zu gestalten.

Ich kann wütend sein und trotzdem nicht schlagen.

Ich kann traurig sein und um Nähe bitten.

Ich kann Angst haben und mir Unterstützung holen.

Ich kann überfordert sein und sagen:

Ich brauche einen Moment.

Das Gefühl darf bleiben.

Und ich darf lernen, mit ihm umzugehen.

Wir müssen nicht weniger (intensiv) fühlen

Seit diesem Tag denke ich anders darüber nach, wenn ich merke, dass ein Gefühl in mir gross wird.

Nicht immer.

Ich ertappe mich selbstverständlich weiterhin dabei, wie ich innerlich denke:

Könntest du bitte gerade einfach verschwinden? Ich habe wirklich keine Zeit für dich.

Aber manchmal gelingt mir inzwischen ein anderer Gedanke:

Ah. Du bist also auch noch da.

Und genau das reicht manchmal schon.

Nicht sofort analysieren.

Nicht bewerten.

Nicht reparieren.

Nicht wegatmen.

Erst einmal wahrnehmen.

Und dann entscheiden:

Was brauche ich jetzt?

Vielleicht Ruhe.

Vielleicht Bewegung.

Vielleicht jemanden zum Reden.

Vielleicht zehn tiefe Atemzüge.

Vielleicht muss ich gerade tatsächlich weitermachen.

Und vielleicht brauche ich später einfach einen Moment, in dem ich nicht mehr funktionieren muss.

Denn plötzlich ist das Ziel gar nicht, irgendwann keine Wellen mehr zu haben.

Das Ziel ist, schwimmen zu lernen. 🌿🤍

Mehr Impulse für einen verbundenen Familienalltag.

Wenn du weiterlesen möchtest, findest du in der Blog-Übersicht weitere Gedanken zu Familienberatung, Elterncoaching und einem alltagsnahen Blick auf Beziehung.

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